Inklusiver Mathematikunterricht – insbesondere auch mit Kindern mit dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“

MATIN: In Ihrer aktuellen Veröffentlichung geht es um das mathematische Lernen von Kindern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Ist ein aktiv-entdeckendes Mathematiklernen bei Kindern mit geistiger Beeinträchtigung überhaupt möglich?

CR: Grundsätzlich ja! Die Gruppe der Kinder mit einer geistigen Behinderung hat eine ungeheure Bandbreite, von schwerer, mehrfacher Behinderung bis hin zu Kindern, die weniger eine kognitive Beeinträchtigung haben, aber (bislang) aus anderen Gründen in allen anderen Schularten nicht beschult werden. Und auch ihr Lerntypus ist sehr unterschiedlich, manche brauchen stärkere Strukturen um lernen zu können, andere können Strukturen gut alleine aufbauen. Aber grundsätzlich ist aktiv-entdeckendes Lernen für sie möglich, wenn es auf eine Weise angeboten wird, die ihren Lernmöglichkeiten entspricht. Auf gar keinen Fall ist aktiv-entdeckendes Lernen eine Frage von kognitiven Minimalanforderungen, sondern – wenn man so will – die „natürliche“ Form des Lernens. Eigentlich eine Haltung.

MATIN: Wo sehen Sie „Vielfalt als Chance“, wo aber auch Grenzen bei der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit besonderem Förderbedarf und Regelschulkindern?

CR: Die Anerkennung der Vielfalt bietet die Chance auf einen individuellen Leistungsbegriff. Dieser ist die Grundlage für einen humanen und ermutigenden Unterricht, den sicher grundsätzlich alle Lehrer anstreben, der ihnen aber durch Selektion, Normierung und Bewertungszwang erschwert wird. Eine größere, eine unübersehbare Vielfalt macht darauf aufmerksam und kann helfen, neue Sichtweisen auf die Kinder zu entwickeln. Andererseits haben viele Kinder durch ihre Behinderungen oder Beeinträchtigungen auch besondere Bedürfnisse, sei es nach mehr Ruhe, nach weniger Geschwindigkeit, nach einem intensiveren pädagogischen Bezug oder eben auch nach anderen Inhalten. Vielfalt erfordert einerseits einen ständigen diagnostischen Blick auf jedes einzelne Kind, um zu erkennen, wo es steht und andererseits eine hohe methodische Kompetenz, die Kinder eben auch dort „abzuholen“ mit einem entsprechend gestalteten Angebot. Gemeinsamkeit sollte dabei so oft wie möglich erreicht werden, ist aber nicht in allen Fällen sinnvoll. Ein ständiges Ausbalancieren!

MATIN: Mit welchen positiven Erfahrungen oder Beispielen aus der Schulpraxis können Sie den Kolleginnen und Kollegen Mut machen, inklusiven Mathematikunterricht auch mit geistig behinderten Kindern zu „wagen“?

CR: Besonders beeindruckt hat mich, welche Fähigkeiten viele Schüler mit einer geistigen Behinderung bei mathematischen Denkspielen entwickelt haben, in vielen Fällen sind sie viel weiter gekommen, als ihre Lehrer es vermutet hätten.

MATIN: Eine Grundschullehrkraft hat keine fachliche Ausbildung in Bezug auf bestimmte Behinderungen. Was muss sie z.B. in Bezug auf Kinder mit dem Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“ wissen, wenn sie inklusiv Mathematik unterrichten wird?

CR: Entscheidend ist, die individuelle Situation des Kindes zu sehen, die in der Regel aus verschiedenen Faktoren resultiert: Einer medizinischen Diagnose, die eventuell auch Auswirkungen auf das Lernen hat, wie Sinnesbehinderungen oder Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, einer möglicherweise vielfach verletzten Lernbiographie, die zu einer gewissen Entmutigung geführt haben kann oder einem bestimmten familiären und/oder sozialen Hintergrund, der überproportional häufig prekär sein kann – aber auch völlig intakt. Auf die ungeheure Bandbreite und die vielen betroffenen Bereiche haben wir mit dem Forschungsprojekt SFGE („Schülerschaft im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“) hingewiesen, in dem diese Schülerschaft beschrieben wird. Entscheidend für ein erfolgreiches Lernen im Rahmen der Möglichkeiten des Kindes ist es, eine pädagogische Gesamtsituation zu schaffen, die diesem Kind in seiner ganz individuellen Situation gerecht wird, es ermutigt und stärkt.

MATIN: Welche Unterstützungsmaßnahmen benötigen Ihrer Meinung nach das „System Grundschule“, aber auch das „System Schulklasse“ auf dem Weg zur Inklusion?

CR: Es ist nicht nur eine Frage der Ressourcen, wie dem Zweipädagogensystem, das zwar eine Bedingung darstellt, aber das Funktionieren noch nicht garantiert. Vor allem ist es eine Frage der pädagogischen und didaktischen Qualität. Sie muss durch Aus- und Fortbildung, Supervision o.ä. aufgebaut und auch gepflegt werden. Aber auch fachliche Ressourcen müssen kurzfristig verfügbar sein. Das „System Schulklasse“ sollte flexibel sein, auf Störungen reagieren können, einen gemeinsamen Geist schaffen, der von Leistung unabhängig ist. Wichtig ist eine pädagogische Gesamtsituation, die weit über Unterricht hinausgeht. Eine Individualisierung des Leistungsbegriffes (übrigens in alle Richtungen!) ist die Bedingung, aber auch das humane Ergebnis.

MATIN: Eine Frage zum Abschluss: Haben Sie ein „P.S.“ für das Projekt MATIN?

CR: Ich bin sehr beeindruckt über den neuen Auftritt von „Mathe inklusiv mit PIKAS“. Die schon hochgeladenen Seiten finde ich sehr konkret und hilfreich. Mit dem Team, das hinter den Seiten steht, hat man die Sicherheit, dass es sich um fundierte und aus der Sicht der aktuellen Forschung „richtige“ Infos handelt. Das ist aus meiner Sicht eine neue Qualität der Unterstützung von Lehrkräften, die dringend nötig ist. Schön zu wissen, dass das jetzt immer weiter ausgebaut wird. Ich wünsche dem Projekt viel Resonanz und Erfolg!


PROF. DR. CHRISTOPH RATZ
Universität Würzburg
Lehrstuhl für Sonderpädagogik IV
Pädagogik bei Geistiger Behinderung