Zentrale Verstehensaspekte

Die Vorstellung Bruch als Anteil ist für die Lernenden mit der Einführung der Bruchzahlen ein neuer Zahlaspekt, der fundiert und anschaulich erarbeitet werden muss. Padberg und Wartha (2017, S. 19 – 21) unterscheiden acht verschiedene Bruchzahlaspekte bzw. Grundvorstellungen zu Brüchen: Bruch als Anteil eines Ganzen, Bruch als Anteil mehrerer Ganzer, Bruch als Maßzahl, Bruch als Operator, Brüche und Verhältnisse, Brüche und Quotienten, Brüche als Lösungen linearer Gleichungen.
Diese Grundvorstellungen hängen auf unterschiedliche Weisen miteinander zusammen, wobei die Vorstellung des Bruchs als Anteil praktisch mit allen Bruchaspekten vernetzt ist. Sie gilt deshalb als die zentrale Grundvorstellung und ist eine bedeutsame Voraussetzung für das Erlernen der weiteren Bruchzahlaspekte. Aber auch für weiterführende Themen im Mathematikunterricht ist eine gründliche Fundierung des Bruchbegriffs bedeutsam, z. B. für Dezimalbrüche, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Gleichungslehre und Algebra.

Viele Schwierigkeiten im Bruchzahlverständnis lassen sich nicht allein auf fehlende Grundvorstellungen zu Brüchen oder ausschließlich die Zahlbereichserweiterung zurückführen. Vielmehr haben sie ihren Ursprung häufig bereits in unzureichenden Grundvorstellungen zu arithmetischen Inhalten der Primarstufe, beispielsweise zu Operationen oder zum Stellenwertsystem (Wartha & Güse, 2009). Um mögliche Schwierigkeiten im Lernprozess offen zu legen, ist es daher empfehlenswert, für Lösungswege und Lösungen immer wieder auch anschauliche Begründungen einzufordern (Padberg & Wartha, 2017, S. 158 f).

Im Folgenden werden verschiedene Aspekte der Grundvorstellung Bruch als Anteil genannt, die von den Lernenden verstehensorientiert erarbeitet und gefestigt werden müssen.

 

Die Abbildung zeigt ein Mädchen und einen Jungen sowie insgesamt acht Sprechblasen. In den Sprechblasen stehen die folgenden acht Fragen:  1.	Warum hat ein Bruch zwei Zahlen?  2.	Was bedeuten die obere und die untere Zahl bei einem Bruch?  3.	Wie soll ich das Papier in fünf gleich große Teile falten?  4.	Ich habe die Papiere unterschiedlich gefaltet. Warum ist es trotzdem immer dieselbe Bruchzahl? 5.	Wieso bezeichnen gleiche Brüche unterschiedliche Anteile? Ein Viertel von 100 ist genauso viel wie die Hälfte von 50! 6.	Warum ist ein Halb größer als ein Drittel? Drei ist doch größer als zwei!  7.	Ich glaube, vier Fünftel ist kleiner als drei Fünftel. Die größere Zahl ist der kleinere Bruch, oder nicht? 8.	Warum hat nicht immer der Bruch mit dem größeren Nenner den größeren Wert?
Abbildung 1: Mögliche Schwierigkeiten in den Bruchvorstellungen (Aussagen formuliert in Anlehnung an Schmassmann & Moser Opitz, 2011, S. 72) 

Zentraler Verstehensaspekt: Begriffliches Verständnis 

Ein sicherer Umgang mit den Fachbegriffen Bruch, Anteil, Teil, gleich groß, Ganzes, Nenner und Zähler ist zentral für das Verständnis und die Kommunikation im Unterricht. Lernende benötigen ein klares Verständnis der Begriffe und ihrer Beziehungen zueinander, um fachlich korrekt argumentieren und mathematische Situationen beschreiben zu können.
Ein tiefes begriffliches Verständnis bildet die Grundlage dafür, Grundvorstellungen aktivieren zu können und flexibel zwischen verschiedenen Darstellungsformen von Brüchen wechseln zu können. Außerdem bedingen sich das begriffliche Verständnis und die Aktivierung von Grundvorstellungen wechselseitig: Wer Begriffe versteht, kann Grundvorstellungen gezielter aktivieren – und umgekehrt.

 

Zentraler Verstehensaspekt: Aktivierung von Grundvorstellungen 
Lernenden fällt es oft schwer, Grundvorstellungen zu Brüchen zu aktivieren. Vor allem die Vorstellungen, die über Alltagsbrüche (z. B.\({1 \over 2}\),\({1 \over 4}\) oder \({3 \over 4}\) hinausgehen, stellen in der Regel eine Herausforderung dar. Im Unterricht ist es daher bedeutsam, immer wieder das flexible Übersetzen zwischen den verschiedenen Darstellungen zu fördern und zu fordern (s. Abbildung 1, Bruchvorstellungen). 

 

Die Abbildung zeigt einen Schüler mit einer Sprechblase. Der Schüler fragt: „Was bedeutet eigentlich ein Viertel? Wie kann ich ein Viertel mit einem Blatt Papier darstellen?“
Abbildung 2: Mögliche Verständnisfragen

Zentraler Verstehensaspekt: Ein Bruch bezieht sich immer auf ein Ganzes 
Ein Bruch kann nicht nur als eine Zahl gedeutet werden, sondern bezieht sich als Anteil immer auf ein Ganzes. Nähere Ausführungen hierzu finden sich im Abschnitt Bruch als Anteil als zentrale Grundvorstellung.

 

Zentraler Verstehensaspekt: Brüche sind vielfältig darstellbar
Ein Viertel (oder eine andere Bruchzahl) besitzt weder eine feste Größe noch eine feste Form. Größe und Form stehen immer in Abhängigkeit vom Ganzen (Padberg & Wartha, 2017, S. 26). Lernende müssen also verstehen, dass Anteile nicht dinglich, sondern immer in Bezug zu einem Ganzen und einem Teil interpretiert werden müssen.

 

Zentraler Verstehensaspekt: Brüche erweitern die bisherigen Zahlvorstellungen 
Wie im Abschnitt Bruchvorstellungen bereits ausgeführt wurde, wird mit der Einführung der Bruchzahlen der bisher für die Lernenden vertraute Zahlbereich der natürlichen Zahlen erweitert. Die Lernenden müssen ihre Vorstellungen zu Zahlaspekten mit der Einführung der Bruchzahlen erweitern und modifizieren. Nähere Erläuterungen dazu finden sich in dem Abschnitt Unterschiede zwischen den natürlichen Zahlen und Bruchzahlen.

 

Zentraler Verstehensaspekt: Verschiedene Brüche beschreiben die gleiche Zahl 
Natürliche Zahlen können nur durch eine eindeutige symbolische Notation ausgedrückt werden. Bei Brüchen ist dies anders – verschiedene Brüche beschreiben die gleiche Zahl:\({1 \over 2}\) beschreibt die gleiche Zahl wie \({2 \over 4}\) oder \({4 \over 8}\).Diese Entdeckung besitzt eine hohe Tragweite für die Lernenden (Schulz & Wartha, 2021, S. 225). Eine weitere wichtige Erkenntnis ist hierbei auch: Es ist unwesentlich, welche Teile farblich gekennzeichnet werden (s. o.).

Abbildung 3: Darstellung der Brüche \({1 \over 4}\) sowie \({2 \over 8}\) und \({4 \over 16}\)

Durch wiederholtes Falten werden Unterteilungen verfeinert, der Anteil bleibt gleich; mathematisch ausgedrückt: „Erweitern“ (ebd., 2021, S. 201). Durch Weglassen von überflüssigen Unterteilungen werden Unterteilungen vergröbert und der Anteil bleibt erhalten; mathematisch ausgedrückt: „Kürzen“ (ebd.).