Die Auswirkungen einer Hörschädigung auf das Lernen der betroffenen Schülerinnen und Schüler werden im Allgemeinen unterschätzt. Erschwerend wirkt, dass eine Hörschädigung – beispielsweise im Vergleich zu einer Sehschädigung oder körperlichen Beeinträchtigung –  optisch nicht auffällig ist (man spricht auch von einer ‚unsichtbaren‘ Behinderung), mit der Folge, dass diese der Lehrkraft weniger „präsent“ ist.

Es wird zwischen peripheren Hörschäden und zentralen Hörstörungen unterscheiden:

  • Bei peripheren Hörschäden liegt eine Störung im Außen-, Mittel- oder Innenohr oder im ersten Teil der Hörbahn vor.
  • Bei zentralen Hörstörungen erfolgt die Wahrnehmung und Verarbeitung des Gehörten bei an sich normaler Hörschwelle unvollständig.

Bei peripheren Hörschäden sind für die Entscheidungen über die Gestaltung des Unterrichts neben der Art der Hörschädigung (s.u., Auswirkungen peripherer Hörschäden) der Grad (bzw. das Ausmaß) des Hörverlusts zu beachten (vgl. Leonhardt, 2019, S. 55). Es werden verschiedene Schweregrade (= Ausmaß des Hörverlustes) unterschieden. Diese orientieren sich an der Lautstärke des Schalleindrucks, der notwendig ist, um diesen wahrzunehmen, gemessen in Dezibel (dB):

  • normales Hörvermögen: Schallwellen können unbeeinträchtigt wahrgenommen werden
  • leichter Hörverlust: Schallwellen von 20 bis 40 dB können wahrgenommen werden, d.h. geflüsterte Sprache wird nicht mehr verstanden (10 dB), eine gedämpfte Unterhaltung oder leise Radiomusik (40 dB) liegen im Hörbereich.
  • mittlerer Hörverlust: Schallwellen ab 40 bis 60 dB können wahrgenommen werden, das entspricht der durchschnittlichen Lautstärke einer ruhigen Unterhaltung, Rundfunkmusik in normaler Zimmerlautstärke oder dem Geräusch eines laufenden Staubsaugers (60 dB).
  • schwerer (oder hochgradiger) Hörverlust: Schallwellen ab 60 bis 90 dB können wahrgenommen werden, das entspricht lautem Sprechen, starkem Straßenlärm oder sehr lauter Radiomusik (80 dB).
  • völliger Hörverlust (auch an Taubheit grenzend mit Übergang zur Gehörlosigkeit/Taubheit): Schallwellen über 90 dB können wahrgenommen werden, das entspricht sehr lautem Schreien aus kurzer Entfernung, einer sehr lauten Autohupe, einem Presslufthammer (100 dB).

Die Abbildung 1 zeigt auf der y-Achse, dass für die Beurteilung des Ausmaßes einer Hörschädigung die Lautstärke der Schallwellen betrachtet wird, die wahrgenommen werden muss, um den Höreindruck auszulösen. Sie unterscheidet die Ausprägungsgrade leicht-, mittel- und hochgradig bis an Taubheit grenzender Hörfähigkeit oder dessen vollständiger Verlust und ordnet ausgesuchten Lautstärken beispielhaft typische Geräusche zu. Die Abbildung stellt auf der x-Achse die Frequenzen (Tonhöhen), gemessen in Hertz (Hz), als zweiten wichtigen Faktor dar.

Abb. 1 Einteilung des Hörvermögens nach dem Grad (Ausmaß) des Hörverlustes (aus: Truckenbrodt & Leonhardt, 2020, S. 62).

In diesem Teilmodul wird die Bedeutung der Wahrnehmung der unterschiedlichen Frequenzen für das Verstehen von gesprochener Sprache und die Entwicklung der Lautsprache vorgestellt, weil dies für die adaptive Gestaltung von Unterricht besonders relevant ist.

Auswirkungen peripherer Hörschäden

Neben dem Ausmaß des Hörverlustes sind die verschiedenen Arten von Hörschäden von Bedeutung, die sich unterschiedlich auf das Erleben und Verhalten von Kindern auswirken, insbesondere auf den Erwerb und den Gebrauch der gesprochenen Sprache (vgl. Leonhardt, 2020, S. 43). Vertiefte Informationen zu den Arten von peripheren Hörschäden können Sie im Teilmodul Definitionen und Daten studieren, hier sollen zunächst nur die unterschiedlichen Auswirkungen betrachtet werden:

  • Schallleitungsschwerhörigkeit (=Mittelohrschwerhörigkeit) führt zu einem leiseren, insgesamt gedämpften Hören, ermöglicht dem Kind jedoch einen Lautspracherwerb auf natürlichem Weg, Hörhilfen erleichtern und unterstützen den Spracherwerbsprozess.
  • Schallempfindungsschwerhörigkeit (=Innenohrschwerhörigkeit) führt zu einem veränderten und verzerrten Hören, der Lautspracherwerb ist möglich, wenn das Kind mit gut angepassten Hörhilfen unterstützt wird; Umfang und Qualität des Lautspracherwerbs wird vom Ausmaß des Hörverlustes mitbestimmt.
  • kombinierte (Schallleitungs- und Schallempfindungs-)Schwerhörigkeit (kombinierte Mittelohr-Innenohrschwerhörigkeit) führt ebenfalls zu einem veränderten und verzerrten Hören; da die Schallempfindungskomponente dominiert, entsprechen die Auswirkungen denen der Schallempfindungsschwerhörigkeit
  • bei einer Gehörlosigkeit/Taubheit können minimalste Hörreste vorliegen; sie reichen jedoch nicht aus, um Lautsprache auf natürlichem (also imitativem) Weg zu erlernen. Werden diese Kinder frühzeitig mit Cochlea Implantaten (CI) versorgt, ist ein Lautspracherwerb möglich. Eine weitere Kommunikationsmöglichkeit ist der Einbezug der Gebärdensprache. Kinder und Jugendliche, die vorzugsweise oder ausschließlich gebärdensprachlich kommunizieren, werden bei inklusiver Beschulung von einem Gebärdensprachdolmetscher begleitet. 

Ertaubung ist zwar keine eigenständige Hörschädigung, sie bedarf aber einer eigenständigen Betrachtung. Die von einer Ertaubung betroffenen Personen haben die (Laut-)Sprache bis zum Zeitpunkt der Ertaubung auf natürlichem Weg erworben; nach der Ertaubung, die grundsätzlich alle Schallereignisse betrifft, ist kein Lautsprachverstehen mehr möglich. Hiervon betroffene Kinder und Jugendliche werden heute mit Cochlea-Implantaten (CI) versorgt. Mit deren Hilfe kann die Lautsprache erhalten und ausgebaut werden.

In den allgemeinen Schulen spielen auch die Schülerinnen und Schüler mit einseitiger Hörschädigung eine Rolle. Bei ihnen liegt auf dem einen Ohr ein voll funktionsfähiges Gehör vor, auf dem anderen eine angeborene oder erworbene Schwerhörigkeit oder Taubheit. Die Sprache kann von diesen Kindern auf natürlichem Weg vollständig erlernt werden; ihnen fehlt jedoch das Richtungshören, d. h. Schallquellen können nicht richtig lokalisiert werden. Die Auswirkungen einer einseitigen Hörschädigung wurde lange Zeit unterschätzt, da Sprache auf natürlichem Weg vollständig erlernt werden kann.

Abb. 2: Die Wahrnehmung von ausgesuchten Lauten gesprochener Sprache in Abhängigkeit von Hörpegel (dB) und Frequenz (Hz) (aus: Truckenbrodt & Leonhardt, 2020, S. 11).

Das Zusammenspiel von Schallquelle, Hörverlust und dem Wahrnehmen von Lauten kann Abbildung 2 entnommen werden, die ein Audiogramm zeigt. Die sog. Sprachniere verdeutlicht grafisch den Frequenzbereich, der für das Verstehen von gesprochener Sprache zentral ist. Bei einem geringen Hochtonverlust werden nur wenige hohe Töne in der Wahrnehmung beeinträchtigt und gesprochene Sprache kann noch gut verstanden werden. Schon bei mittelgradigem Hörverlust entfallen ganze Frequenzbereiche, das Hören wird bruchstückhaft und rudimentär. Für das Verstehen gesprochener Sprache muss dann hohe Konzentration und umfassende Aufmerksamkeit aufgebracht werden oder es ist ohne apparative Hilfen nicht mehr möglich, wie bei hochgradigem Hörverlust. Die Pfeile in der Abbildung sollen zeigen, dass durch apparative Hörhilfen die Hörschwelle deutlich angehoben werden kann.


In einer dynamischen audiovisuellen Simulation lassen sich die Zusammenhänge zwischen Schallpegel, Hörverlust und Lautwahrnehmung besonders verständlich darstellen. Auf der Webseite der Firma MED-EL Elektromedizinische Geräte Deutschland GmbH, einem Hersteller von Hörimplantatsystemen, können Sie sich in einem animierten Audiogramm verschiedene Grade von Hörbeeinträchtigung anzeigen lassen und sich dazu Tonspuren anhören, die Ihnen akustische Eindrücke vom jeweiligen Höreindruck vermitteln.

https://www.medel.com/de/about-hearing/audiogram


Auswirkungen bei Schallleitungsschwerhörigkeit

Die Schallleitungsschwerhörigkeit führt zu einem insgesamt gedämpften Höreindruck. Schon bei einer mittelgradigen Schallleitungsschwerhörigkeit bewirken die geringeren Intensitäten der Höreindrücke und die damit verbundene eingeschränkte Diskriminierungsmöglichkeit in der Nähe der Hörschwelle zu unvollständigem Hören, die das Verstehen gesprochener Sprache erschweren. So werden unbetonte Silben (im Deutschen oft die Endsilben) und Partikel (z. B. Präposition, Konjunktion, Adverb) schlecht aufgefasst. Da bei einer Schallleitungsschwerhörigkeit alle Frequenzbereiche in etwa gleich betroffen sind, kommt es jedoch nicht zu einer Klangveränderung. Es wird leiser gehört; der Höreindruck ist quantitativ beeinträchtigt, aber nicht verzerrt. Durch Verringerung der Distanz bzw. elektroakustische Verstärkung ist ein guter Ausgleich möglich.

Kinder mit angeborener Schallleitungsschwerhörigkeit können im Gegensatz zu Menschen mit einer später erworbenen Schallleitungsschwerhörigkeit Schwierigkeiten in der Spontansprache zeigen. Das leisere Hören der weniger betonten Anteile der Sprache führt in der Spracherwerbsphase dazu, dass Endsilben, Endkonsonanten, Präpositionen, Konjunktionen, Flexionssuffixe der Nomen, Verben und Adjektive, Artikel usw. nicht adäquat wahrgenommen werden und dann wie von ihnen gehört wiedergegeben werden. Dadurch kommt es zu Auffälligkeiten beim Erwerb der Sprache, die sich auf die Sprachproduktion auswirken. Die Artikulation ist selten betroffen. Mitunter werden die Sprachakzente verändert, besonders im Hinblick auf Melodie und Dynamik.

Abb. 3: Grafische Veranschaulichung des Höreindrucks bei Schallleitungsschwerhörigkeit (gedämpftes Hören, links) und Schallempfindungsschwerhörigkeit (verzerrtes Hören, rechts). (geändert, nach Jacobs, Schneider & Wisnet, 2004, S. 17).

Auswirkungen bei Schallempfindungsschwerhörigkeit

Eine Schallempfindungsschwerhörigkeit bewirkt eine quantitative und qualitative Veränderung der auditiven Wahrnehmung. Es kommt zu einem „verzerrten“ Hören, abhängig davon, welche Frequenzen innerhalb und welche außerhalb des hörbaren Bereichs liegen. Die Differenzierbarkeit der gehörten Laute ist für den Betroffenen eingeschränkt. Bestimmte Laute werden deformiert wahrgenommen, was das Verstehen von Sprache erschwert.

Hohe Töne werden schlecht oder im Extremfall nicht erkannt. Sind charakteristische artikulatorische Merkmale bestimmter Sprachlaute betroffen, können diese nicht mehr sicher unterschieden werden. Betroffen sind von den Konsonanten vor allem die Zischlaute, von den Vokalen zuerst das i und e und die Diphtonge ö und ü sowie die Unterscheidung von u und ü. Damit verliert die Sprache an Merkmalsbreite. Der Betroffene kann einzelne Laute und auch Wörter auditiv nicht unterscheiden mit der Folge, den Sinn der Wörter und Sätze nicht zu verstehen. Relativ gut werden tiefe Töne wahrgenommen. Das führt dazu, dass die Sprechstimme auch aus einer gewissen Entfernung zwar vernommen, aber die Rede dennoch nicht unterschieden werden kann. (Die Betroffenen sagen „Ich höre, aber ich verstehe nicht.“) Kommt eine geräuschvolle Umgebung hinzu, wird das Hören zusätzlich erschwert, da weitere Ansprüche an die Differenzierungsfähigkeit entstehen. Bei an Taubheit grenzenden Fällen reichen vorhandene Hörreste im unteren Frequenzbereich nur noch aus, um Vokale irgendwie zu hören. Sie können aber nicht mehr voneinander unterschieden werden.

Bei einer Schallempfindungsschwerhörigkeit spielt das Ausmaß (also der Grad) des Hörverlustes eine erhebliche Rolle. So werden bei einer leichtgradigen Schallempfindungsschwerhörigkeit stimmlose Konsonanten und Zischlaute nur undeutlich gehört, was zu Auffälligkeiten in der Artikulation, Lautbildungsfehlern und Verzögerungen in die Sprachentwicklung führen kann. Ist diese Schwerhörigkeit mittelgradig wird ein Großteil der Laute nicht gehört. Es kann zu Störungen in der Sprachentwicklung (z.B. Dysgrammatismus), einem eingeschränkten Wortschatz und wenig gut verständlichem Sprechen kommen. Liegt eine hochgradige Schwerhörigkeit vor, kommt es nicht zu einer spontanen Sprachentwicklung.

Eine Schallempfindungsschwerhörigkeit bedeutet für die betroffenen Schülerinnen und Schüler einen erschwerten und mitunter auch eingeschränkten Spracherwerb. Die Probleme in der Sprachauffassung können durch Hörsysteme gemindert werden; ein vollständiger Ausgleich ist jedoch nicht möglich.

Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung

Ein Kind mit einer Schallempfindungsschwerhörigkeit kann Lautsprache nicht vollständig imitativ und beiläufig in interaktional-kommunikativen Handlungen erlernen. Auf Grund der eingeschränkten auditiven Perzeption kann es zu Auffälligkeiten in der Sprache kommen:

Sprechweise: Die Prägnanz der Artikulation kann beeinträchtigt sein, so dass die Lautbildung verwaschen klingt. Beim Sprechen kann es zum Fehlen oder zur falschen Bildung von Sprachlauten und Lautverbindungen kommen (betroffen sind insbesondere Zischlaute und Verschlusslaute sowie mit ihnen in Zusammenhang stehende Lautverbindungen), da das Gehör in seiner Kontrollfunktion eingeschränkt ist. Ebenso können melodische, dynamische und temporale Akzente auffällig sein.

Wortschatz: Der individuelle Wortschatz der Kinder und Jugendlichen kann (in Abhängigkeit der genannten Faktoren) eingeschränkt sein. Das betrifft sowohl den aktiven als auch den passiven Wortschatz. Nomen, die Gegenständliches bezeichnen und Verben mit inhaltlichem Bezug werden eher gut erlernt, wohingegen Abstrakta, Oberbegriffe, synonyme Bezeichnungen und Wörter mit übertragener Bedeutung eher Schwierigkeiten bereiten.

Grammatik: Durch den eingeschränkten auditiven Input kommt es zu Unsicherheiten bei der Deklination von Nomen und der Konjugation von Verben; syntaktische Strukturen werden mitunter vereinfacht oder sind unvollständig. Durch die lückenhafte Verfügbarkeit der syntaktischen Regeln und flexivischen Formmittel kann es zu agrammatischen und dysgrammatischen Äußerungen kommen.

Sinnentnahme aus Gesprochenem und aus Texten: Die zuvor beschriebenen Auffälligkeiten führen zu Schwierigkeiten bei der Sinnentnahme aus Gesprochenem (lautsprachlichen Informationen) und aus Texten (schriftsprachlichen Informationen). Trotz guter technischer Leseleistung und bekanntem Wortmaterial kann es zu Schwierigkeiten bei der Sinnentnahme von Sprachganzen kommen. Die Ursache liegt im eingeschränkten Erfassen der Bedeutung von relationalen Begriffen wie „vor“, „neben“, „unter“, „hinter“ oder „über“.

Auswirkungen bei kombinierter Schwerhörigkeit

Da eine kombinierte Schwerhörigkeit bei gleichzeitigem Auftreten einer Schallleitungs- und einer Schallempfindungsschwerhörigkeit vorliegt, hört der Betroffene leiser und verzerrt. Die Schallempfindungskomponente dominiert, so dass die Auswirkungen einer kombinierten Schwerhörigkeit die einer Schallempfindungsschwerhörigkeit entsprechen. Pädagogisch sind folglich die gleichen Maßnahmen und Interventionen erforderlich.

Auswirkungen einer Gehörlosigkeit/Taubheit

Gehörlosigkeit ist keine gesonderte Hörschädigung, sondern eine extreme Funktionsstörung im Innenohr und/oder im Bereich des Hörnervs. Die Folge ist eine praktische Taubheit oder Gehörlosigkeit. Üblicherweise liegen minimalste Hörreste vor, die aber zu gering sind, um Lautsprache auf natürlich-imitativem Weg zu erlernen.

Heute werden diese Kinder frühzeitig entweder mit zwei Cochlea Implantaten versorgt, mit deren Hilfe sie bei entsprechender hörgeschädigtenspezifischen Begleitung und Förderung die Lautsprache erlernen können, oder sie erhalten eine entsprechende gebärdensprachliche Förderung und Unterstützung, um eine umfassende Gebärdensprachkompetenz aufbauen zu können und die Kommunikation zu sichern. Zunehmend häufiger werden sowohl die Laut- als auch die Gebärdensprache einbezogen, so dass diese Kinder bilingual aufwachsen.

Schülerinnen und Schüler, die vorzugsweise gebärdensprachlich kommunizieren, werden in der allgemeinen Schule von Gebärdensprachdolmetschern unterstützt (fortführend siehe dazu Kaul 2018).

Auswirkungen einer einseitigen Hörschädigung

Kinder mit einer gering- bis mittelgradigen einseitigen frühkindlichen Hörschädigung entwickeln sich weitgehend unauffällig. Bei guter Förderung und unterstützendem Elternhaus zeigen sie bei Schuleintritt keine oder kaum sprachliche Abweichungen zu Gleichaltrigen. Das kann im Unterricht vorschnell dazu führen, ihre Hör- und Verstehensprobleme zu unterschätzen oder zu negieren. Die Schülerin oder der Schüler hört unter erschwerten Bedingungen, obwohl sie in Unterrichtssituationen weitgehend unauffällig wirken. Sie sind immer dann in der auditiven Wahrnehmung beeinträchtigt, wenn Neben- und Störgeräusche auftreten. Das fehlende Richtungshören – es ist Voraussetzung, um die Schallquelle zu orten (also zu erkennen, wo sich der Sprecher befindet) – und Probleme bei der Störschall-Nutzschall-Trennung können die Teilhabe an am Unterricht und an sozialen Situationen erschweren und erfordern erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration.

Bei hochgradiger einseitiger Hörschädigung kann es zu Verzögerungen in der Sprachentwicklung kommen, da vor allem das Hören bei Stör- und Nebengeräuschen und das Richtungshören beeinträchtigt sind. Im Schulalltag sind die Hörbedingungen oft ungünstig, da Neben- und Störgeräusche nur begrenzt ausgeschaltet werden können. Diese wirken sich auf das Verstehen negativ aus, mit der Folge, dass Äußerungen der Lehrkraft und der Klassenkameraden nicht immer vollständig und angemessen verstanden werden. Das kann dazu führen, dass Erklärungen zu Unterrichtsinhalten und damit zum Lernstoff nicht vollständig verstanden werden können (Leonhardt 2009, 122).

Die Schwierigkeiten, die sich bei einseitiger Hörschädigung im Unterricht ergeben, sollte man nicht unterschätzen, denn Schätzungen in der Fachliteratur gehen davon aus, dass 30 bis 40 % einseitig hörgeschädigter Kinder schulische Lernprobleme zeigen, vor allem im Schriftspracherwerb (Rosanowski & Hoppe 2004).

Auswirkungen zentraler Hörschädigungen

Neben peripheren Hörschäden gibt es Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen (AWVS) als zentrale Hörschädigungen. Bei den hiervon betroffenen Schülerinnen und Schülern liegt ein normales peripheres Gehör vor. Jedoch erfolgt die Wahrnehmung und Verarbeitung des Gehörten unvollständig, mit der Folge, dass es zu einem eingeschränkten Sprachverstehen kommt.

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen fallen meist erst im Schulalter auf, nämlich dann, wenn die schulischen Anforderungen steigen und es zu Problemen beim Lernen kommt. Die Problematik der Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen ist in der Vergangenheit eher unterschätzt worden. Die Zahl der betroffenen Schülerinnen und Schüler stieg in den letzten Jahren rasant an. Die Gründe dafür sind noch ungeklärt. Heute wird die Häufigkeit auf 2 bis 3 % aller Kinder und Jugendlichen geschätzt, wobei Jungen doppelt so häufig wie Mädchen betroffen sind.

 

Diese Seite wurde von Prof. Dr. Annette Leonhardt erstellt
und vom Team des Projekts „Mathe inklusiv mit PIKAS“ editiert.