Diese Seite beschreibt exemplarisch, wie Unterstützungsbedarfe einer Schülerin, die im Bildungsgang Lernen gefördert wird, systematisch in die Unterrichtsplanung im Inhaltsbereich Zahlvorstellungen und Darstellungsvernetzung integriert werden können. Am Beispiel von Ella wird aufgezeigt, wie fachliche, prozessbezogene und überfachliche Lernvoraussetzungen berücksichtigt und gezielt aufgegriffen werden, um mathematisches Lernen zu ermöglichen und zu vertiefen.
Das anschließende Video zeigt die Lernausgangslage von Ella und wie diese exemplarisch in der Unterrichtsplanung berücksichtigt werden kann.
Video: Unterstützungsbedarfe in die Unterrichtsplanung integrieren (Förderschwerpunkt Lernen)
Aufgabe für die Klasse: „Zahlen darstellen“
Der Schwerpunkt der Unterrichtssequenz liegt auf der Vernetzung unterschiedlicher Zahldarstellungen (Zahlwort, Zahlbild, Stellenwertdarstellung, Zahlsymbol) und der Vernetzung der Zahldarstellungen im Zahlraum bis 1 000. Ausgangspunkt dafür ist die Aufgabenstellung „Zahlen darstellen“, die adaptiert wird.
Ausgehend vom Zahlwort vervollständigen die Kinder ein Quartett, indem sie das zugehörige Zahlbild, die Stellenwerte sowie das passende Zahlsymbol notieren.
Abbildung 1: Quartett
Während der Bearbeitung sollen sie immer auch reflektieren, warum die Quartett-Karten zusammenpassen. Ihre Überlegungen bereiten sie im Tandem so vor, dass sie sie am Ende der Stunde erklären können. Dazu können sie Würfelmaterial und Mittel zum Forschen nutzen sowie den Sprachspeicher, der zuvor gemeinsam erstellt wurde und gut sichtbar im Klassenraum hängt.
Abbildung 2: Aufgabenstellung und Sprachspeicher
Individuelle Lernvoraussetzungen bezogen auf die Lernaufgabe
Für die konkrete Unterrichtsplanung ist es wichtig, die individuellen Lernvoraussetzungen der Kinder genau in den Blick zu nehmen, insbesondere bei zieldifferenten Bildungsgängen. Dabei sind sowohl die inhaltsbezogenen als auch die prozessbezogene Kompetenzen zu berücksichtigen. Ergänzend spielen die Förderbereiche (u. a. Wahrnehmung, Kommunikation, Kognition, Motorik und Sozialität) eine zentrale Rolle, da sie den Zugang zu den Lernaufgaben wesentlich beeinflussen. Diese Gesamtbetrachtung bildet die Grundlage, um Lernaufgaben gezielt den Bedarfen der Kinder anzupassen und sinnvolle Unterstützungsangebote zu planen, ohne den gemeinsamen Lerngegenstand aus dem Blick zu verlieren.
Ella wird im Bildungsgang Lernen gefördert. Ihre Lernvoraussetzungen in Bezug auf die Aufgabenstellung „Zahlen darstellen“ werden in der folgenden Abbildung dargestellt:
Abbildung 3: Lernvoraussetzungen von Ella
Adaptionen bezogen auf individuelle Voraussetzungen
Die Ableitung von Kompetenzerwartungen und Adaptionen erfolgt stets in Bezug auf die konkrete Lernaufgabe und orientiert sich an den individuellen Lernvoraussetzungen des Kindes. Adaptionen können auf unterschiedlichen Ebenen vorgenommen werden – etwa bei der Gestaltung der Lernaufgabe, der Auswahl von Materialien und Medien, den eingesetzten Methoden, der Sozialform, den Formen gemeinsamen Unterrichts sowie den Rahmenbedingungen. Im Rahmen zieldifferenter Planung wird festgelegt, welche fachlichen Lernziele das Kind innerhalb der gemeinsamen Aufgabe verfolgt und durch welche gezielten Anpassungen der Zugang unterstützt wird. So entstehen tragfähige Lernarrangements, die individuelle Entwicklungswege ermöglichen und zugleich am gemeinsamen Lerngegenstand anknüpfen.
Bezogen auf Ellas Lernvoraussetzungen werden folgende Adaptionen vorgenommen:
Konzentration und Ausdauer
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Quartettkarten werden auf die Darstellungen Zahlwort und Zahlbild reduziert
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Reduktion des Zahlraums
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Kontrastreiche Gestaltung des Zahlworts
Arbeitsverhalten
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Strukturierung der Arbeitsschritte in einem Aufgabenfächer
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Tandemarbeit mit einem ausgewählten Kind
Sprache
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Visualisierung der Arbeitsschritte durch Fotos
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Nutzung des Sprachspeichers für alle Kinder
Prozessbezogene/ Inhaltsbezogene Kompetenzen
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Legen des Zahlworts mit Material
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Einsatz einer Sortiertafel
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Gemeinsame Überprüfung der gelegten Zahlen
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Zeichnung des Zahlbildes mit Orientierung an der zuvor mit Material gelegten Zahl
Abbildung 4: Adaptionen für Ella
Adaptionen im inklusiven Mathematikunterricht bedeuten nicht, für jedes Kind und jede Stunde eigene Lernwege zu planen. Eine solche Überdifferenzierung wäre weder leistbar noch förderlich für gemeinsames Lernen. Vielmehr geht es darum, wo möglich und passend, gemeinsame Lerngegenstände so aufzubereiten, dass Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen an ihnen lernen können.
Dies geschieht durch vielfältige fachliche Zugänge – etwa über verschiedene Darstellungsformen, Materialien, Lösungswege oder Handlungsformen. So können alle Lernende auf ihrem individuellen Niveau arbeiten, ohne dass der gemeinsame Austausch verloren geht oder der fachliche Anspruch abgesenkt wird.
Adaptionen beziehen sich somit auf die Gestaltung des Lernangebots, nicht auf eine vollständige Individualisierung des Unterrichts. Ziel ist ein barrierefreier Mathematikunterricht, der Raum für Vielfalt lässt und zugleich ein gemeinsames Lernen im Sinne des Prinzips der Durchgängigkeit ermöglicht, nach dem jeder Lerngegenstand auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen bearbeitet werden kann (Holzäpfel et al. 2024).
Einbindung in die Reflexionsphase
Die gemeinsame Reflexionsphase ist ein zentrales Element differenzierten Unterrichts, da sie es allen Kindern ermöglicht, sich in Bezug auf den gleichen Lerngegenstand zu beteiligen und Gedankengänge auszutauschen – unabhängig vom Bildungsgang oder individuellen Lernstand.
Da die Überlegungen der Reflexionsphase auf Ellas und Tonis Erkenntnissen aus der Arbeitsphase aufbauen, übernehmen sie die Bearbeitung der ersten Aufgabe. Im gemeinsamen Gespräch überprüfen sie das Zahlbild und könnten dabei feststellen, dass die im Zahlwort enthaltene Zehnerangabe nicht mit der Darstellung übereinstimmt. Damit würden sie einen zentralen Beitrag zur inhaltlichen Klärung im Plenum leisten, der über eine beobachtende Rolle hinausgeht.
Im weiteren Verlauf der Reflexion wird der Zahlraum erweitert. Diese Erweiterung richtet sich nicht nur an leistungsstärkere Kinder, sondern wird explizit auch Ella und Toni angeboten. Die Entscheidung basiert auf der Perspektive des weiterführenden Unterrichts: Ella wird dort ebenfalls mit dem Quartett im Zahlraum bis 1 000 arbeiten.
Durch die gemeinsame Reflexion im erweiterten Zahlraum kann Ella:
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frühzeitig zentrale Strukturen des Stellenwertsystems vertiefen,
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an den gleichen Materialien und Darstellungen wie ihre Mitlernenden arbeiten.
Material für den eigenen Unterricht
AufgabenfächerQuartettkartenSprachspeicherSortiertafel