In der Ausbildungsordnung Sonderpädagogische Förderung in Nordrhein-Westfalen (AO-SF 2020) werden in § 4 (1) Lern- und Entwicklungsstörungen als erhebliche Beeinträchtigungen im Lernen, in der Sprache und in der emotionalen und sozialen Entwicklung definiert, die allein oder gemeinsam auftreten können und sich häufig gegenseitig bedingen und wechselseitig verstärken. Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung besteht laut AO-SF, wenn sich eine Schülerin oder ein Schüler in der Schulsituation überfordert zeigt, sich nicht auf erzieherische Angebote einlassen kann oder sogar widersetzt, so dass sie oder er im Unterricht nicht oder nicht hinreichend zu fördern und die eigene Entwicklung oder die der Mitschülerinnen und Mitschüler erheblich gestört oder gefährdet ist (§ 4 (4)).

Welcher Unterstützungsbedarf bei einem Kind besteht, ist individuell zu bestimmen. Würde nach der typischen Schülerin bzw. dem typischen Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung gefragt, bliebe aufgrund der vielen verschiedenen Erscheinungsformen und Charakteristika nur zu antworten, dass es die typische Schülerin bzw. den typischen Schüler nicht gibt. Es gibt jedoch verschiedene charakteristische Merkmale, die - auch wenn sie in ihrer Intensität und im Auftreten variieren - bei Schülerinnen und Schülern mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung häufig zu beobachten sind. Die Fallbeispiele im Einstieg haben verschiedene Konstellationen und verschiedene Ursachen aufgezeigt, die dazu beitragen können, dass Kinder und Jugendliche problematische oder herausfordernde Verhaltensweisen entwickeln. Im Folgenden werden einige charakteristische Auffälligkeiten des Erlebens von Schule und Unterricht sowie des Verhaltens im schulischen Setting beschrieben.


Ein vertiefender Überblick über die im Kontext des Förderschwerpunkts emotionale und soziale Entwicklung möglicherweise relevanten Faktoren, die auf persönlicher, familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Ebene Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes nehmen, findet sich im Abschnitt Bedingungsfaktoren. Das Wissen über entsprechende Risikofaktoren und -bedingungen kann dazu beitragen, dass es Lehrkräften in der schulischen Praxis leichter fällt, die Gründe und Zusammenhänge für das Auftreten von schwierigen Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern besser zu verstehen und in ihrem professionellen Handeln zu berücksichtigen.


Charakteristische Auffälligkeiten

Oft treten herausfordernde Verhaltensweisen bzw. Beeinträchtigungen im emotionalen und sozialen Bereich gemeinsam mit Beeinträchtigungen im schulischen Lernen auf, gelegentlich auch im Bereich der Sprache. Häufig kommt es vor, dass die betroffenen Lernenden durch die Beeinträchtigungen in einem oder in beiden Bereichen in einen Teufelskreis geraten, aus dem sie alleine und ohne adäquate Unterstützung durch ihr schulisches und privates Umfeld nur sehr schwer wieder herausfinden. Lernschwierigkeiten führen nicht selten zu Misserfolg im Unterricht und dieser führt häufig beim Kind zu Frustration, die sich im Unterricht in herausforderndem Verhalten äußern kann, das wiederum wenig zuträglich für erfolgreiches Lernen ist.

Fast alle Kinder und Jugendlichen mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung erleben soziale Situationen als belastend. Viele empfinden die an sie gestellten Leistungsanforderungen als Überforderung, andere sind kognitiv eher unterfordert. Die Schülerinnen und Schüler zeigen in solchen Momenten Verhaltensweisen, die das soziale Miteinander und den schulischen Lernerfolg beeinträchtigen und wenig förderlich für die eigene Entwicklung sind. Diese können von Person zu Person in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten (Myschker & Stein, 2014, S. 58):

  • Nicht altersgerechtes Verhalten, vor allem impulsives und wenig kontrolliertes sowie unaufmerksames und unkonzentriertes Verhalten,
  • internalisierendes Verhalten, vor allem ängstlich gehemmtes, bisweilen zurückgezogenes Verhalten, nicht selten verbunden mit Desinteresse an Herausforderungen und mit Minderwertigkeitsgefühlen,
  • externalisierendes Verhalten, vor allem ausagierendes und bisweilen aggressives Verhalten, nicht selten verbunden mit aversiven Emotionen (z. B. Hilflosigkeit, Ängstlichkeit) und geringer Selbststeuerung,
  • sozialisiert delinquentes Verhalten, das planvoll und kontrolliert Regeln verletzt und sich nicht an gesellschaftlich allgemein akzeptierten Normen und Werten orientiert, oft verbunden mit leichter Erregbarkeit und hoher Aggressivität gegen Personen und Sachen.
     

Externalisierendes und internalisierendes Verhalten

In der schulischen Praxis werden die vier genannten Verhaltensweisen immer wieder beobachtet. In der empirischen Forschung konnten bislang zwei Gruppen bzw. Syndrome diagnostisch validiert werden (Myschker & Stein, 2014, S. 58f.):

  • Die erste Gruppe zeigt externalisierendes, mitunter aggressives Verhalten, das sich nach außen und gegen Personen oder Sachen richtet, vom Kind oder Jugendlichen kaum gesteuert wird und dadurch Eltern, Lehrkräfte und Peers herausfordert und in schweren Fällen die Intensität sozialisiert delinquenten Verhaltens erreicht, das im engeren sozialen Umfeld des Kindes oder des Jugendlichen nicht akzeptiert werden kann.
  • Die zweite Gruppe zeigt internalisierendes, mitunter regressives Verhalten, das sich nach innen und gegen die eigene Person richtet, das nicht selten sozial unreif wirkt und beim betroffenen Kind bzw. Jugendlichen zu Minderwertigkeitsgefühlen, in schweren Fällen zu psychosomatischen Störungen führen kann.
     

Die erste Gruppe von Kindern und Jugendlichen findet in der pädagogischen Praxis und in der Fachliteratur viel Beachtung, schreiben Myschker und Stein (2014, S. 59), weil ihr herausforderndes Verhalten sowohl das Elternhaus als auch die Schule vor besonders große Probleme stellt, während die Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die regressives Verhalten zeigt, weitaus weniger Aufmerksamkeit erfährt, da die Heranwachsenden sozial angepasster und in Familie und Schule scheinbar leichter zu integrieren sind. Aus pädagogischer Sicht darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch diese Kinder und Jugendlichen oft leiden und dass ihre persönliche Entwicklung bei mangelnder Unterstützung gefährdet ist.

Schülerinnen und Schüler, die häufig externalisierendes Verhalten zeigen, erleben im Schulalltag immer wieder Zurück- und Zurechtweisungen durch Mitschülerinnen und Mitschüler sowie durch Lehrkräfte. Wenn darüber hinaus noch Probleme in ihrem Lern- und Leistungsvermögen oder ihrer Sprache bestehen, ist auch der Unterricht mit vielen Frustrationserlebnissen verbunden. Das Erleben von Zurückweisung und Frust kann das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler beeinträchtigen, worauf diese oft mit herausforderndem Verhalten und Aggression reagieren, da sie auf diese Weise den Eindruck gewinnen, selbst etwas ausrichten zu können. Dementsprechend ist es wichtig, dass Lehrkräfte (ggf. immer wieder) versuchen, auch diese Kinder durch individuell zu bewältigende Aufgaben erfolgreich ins Unterrichtsgeschehen einzubinden und ihnen so Erfolgserlebnisse und Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen.

Während Lehrkräfte externalisierendes Verhalten meist als äußerst anstrengend und manchmal sogar als Angriff auf die eigene Person erleben, gehen die internalisierenden Probleme von Schülerinnen und Schülern im Schulalltag oft unter, da Kinder und Jugendliche mit solchen Herausforderungen sich oft eher unauffällig und leise verhalten. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass auch für diese Schülerinnen und Schüler Schulalltag und Unterricht sehr belastend sind. Sie erleben sich als wenig kompetent, ziehen sich immer weiter zurück und reagieren z. T. mit psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen und Übelkeit oder sogar mit selbstverletzendem Verhalten. Auch in diesem Fall ist es wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass sie als Personen wertgeschätzt werden und ihnen zu zeigen, dass sie etwas leisten und bewirken können. Letztlich sollten Lehrkräfte in beiden Fällen (aber auch darüber hinaus) beachten, dass es von hoher Relevanz ist, allen Lernenden Aufgaben zu geben, die auf das jeweils individuelle Lern- und Leistungsniveau zugeschnitten sind und die zu Erfolgserlebnissen führen. Nähere Anregungen wie dies in der Praxis umsetzbar ist, finden sich im Modul Unterricht.

Auffälliges Verhalten als individuelle Problemlöseversuche

In Bezug auf den Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung macht die Kultusministerkonferenz in ihren „Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung“ (KMK, 2000) darauf aufmerksam, dass die „Beeinträchtigungen im emotionalen Erleben und sozialen Handeln“ der Kinder und Jugendlichen als „Ausdruck einer unbewältigten inneren Problematik und als Folge einer gestörten Person-Umwelt-Beziehung“ (S. 10) zu sehen seien und die pädagogische Ausgangslage der betroffenen Schülerinnen und Schüler „von vielfältigen komplexen Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Individuum, sozialem Umfeld und Persönlichkeitsentwicklung geprägt“ (S. 4) sei. Darüber hinaus sei davon auszugehen, dass „Auswirkungen von Entwicklungsstörungen, Krankheiten und Behinderungen problemverstärkend wirken“ (ebd.) können.

Lehrkräften kann es helfen, die von einem Kind gezeigten herausfordernden Verhaltensweisen als einen für das Kind selbst meist subjektiv sinnvollen Bewältigungsversuch zu betrachten, der dem Kind als Schutz vor (weiteren) Verletzungen dienen soll, die im schulischen Setting z. B. durch Mitschülerinnen und Mitschüler oder durch Lehrpersonen erfolgen können.

Besonders brisant wird es für alle Beteiligten, wenn sich das problematische Verhalten einer Schülerin oder eines Schülers verfestigt, weil adäquate Hilfen und Unterstützungsangebote fehlen oder nicht angenommen werden. In diesem Fall kann es vorkommen, dass die betroffenen Lernenden beginnen, dem Unterricht fernzubleiben und, wenn es ungünstig läuft, die Schule mit geringen emotionalen, sozialen und fachlichen Kompetenzen und ggf. ohne Abschluss verlassen. In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass die Heranwachsenden in Delinquenz, prekäre Arbeitsverhältnisse oder Arbeitslosigkeit abrutschen.

Um mögliche Risiken und Herausforderungen hinsichtlich der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen frühzeitig erkennen bzw. diesen vorbeugen zu können, sollten sich Lehrkräfte frühzeitig über die emotionale und soziale Entwicklung und Abweichungen im Entwicklungsprozess informieren. Bei Bedarf sollten Lehrkräfte sich nicht scheuen, auf vorhandene Möglichkeiten der Kooperation und Unterstützung zurückzugreifen.


Im Schulalltag kann die „Matrix emotionaler und sozialer Kompetenzen (MesK)“ von QUA-LiS NRW (2019) bei der Erhebung und Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen unterstützen. Anhand systematisch aufbereiteter Fallbeispiele aus der Praxis wird im Rahmen der MesK darüber hinaus u. a. auf entsprechende Möglichkeiten der Kooperation und Unterstützung hingewiesen.

Um einen vertieften Einblick in verschiedene theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von auffälligem Verhalten und zu Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung zu erlangen, sei die Lektüre der im Literaturnachweis dokumentierten Fachliteratur von Blumenthal, Casale, Hartke, Hennemann, Hillenbrand und Vierbuchen (2020), Breuer-Küppers und Hintz (2018) oder Gasteiger-Klicpera, Julius und Klicpera (2008) empfohlen.