Ursachen von Hörschädigungen

Hörschädigungen können vielfältige Ursachen haben. Deren Einteilung kann man nach sehr unterschiedlichen Kriterien vornehmen, z.B. nach vererbten und nicht vererbbaren Hörschäden, nach angeborenen und erworbenen Hörschäden, nach dem Ort der Störung oder nach dem Zeitpunkt des Eintretens. Die letztgenannte Einteilung ist die am häufigsten vorzufindende:

Eine pränatale (vorgeburtliche) Hörschädigung ist entweder erblich bedingt oder wurde durch eine Erkrankung der Mutter während der Schwangerschaft (z.B. Röteln, Masern, Keuchhusten, Toxoplasmose) hervorgerufen. Daneben können Alkohol, Nikotin und Drogen auslösend sein, ebenso die (missbräuchliche) Verwendung von Beruhigungsmitteln und Antibiotika sowie die Einnahme bestimmter Medikamente, die sich negativ auf die Entwicklung des Innenohres oder des Hörnervs auswirken. Des Weiteren können schwere Diabetes der Mutter oder starke Blutungen während der Schwangerschaft eine Hörschädigung beim Kind bedingen.

Eine perinatale (im Rahmen der Geburt sich ergebende) Hörschädigung kann durch Frühgeburt oder durch Schädelverletzungen während der Geburt verursacht sein. Auch Atemstillstand mit längeren Wiederbelebungsmaßnahmen, Sauerstoffmangel während der Geburt, Infektionen oder durch eine im Zusammenhang mit der Geburt stehende Neugeborenengelbsucht können eine Hörschädigung hervorrufen.

Postnatale Hörschädigungen (nach der Geburt) werden vor allem durch Infektionskrankheiten im Kindesalter ausgelöst. Zu den bekanntesten zählen Meningitis, Encephalitis und Mittelohrentzündungen. Hinzu kommen postnatale Schädigungen durch Schädelverletzungen.

Biesalski und Collo (1991) geben an, dass bei 40 % der Kinder die Ursache für die Hörschädigung nicht sicher benannt werden kann. Matulat (2018) führt ein Drittel der kindlichen Hörschäden auf Komplikationen in der Schwangerschaft oder während der Geburt zurück. Im Schulalter sind etwa zwei von 1.000 Kindern und Jugendlichen von einer Hörschädigung betroffen (Probst, 2008, S. 181).
 

Physiologie des Hörens

Aufbau des Ohres (aus: Forum besser Hören, o. J., S. 14)

Betrachtet man Hörschädigungen nach dem Ort der Störung, muss man die Physiologie des normalen Hörvorgangs und dessen Funktion betrachten. Jeder Teil des Ohres hat für den Hörvorgang eine wichtige Aufgabe. Eine Hörschädigung bedeutet, dass in einem oder mehreren Teilen des Außen-, Mittel oder Innenohres eine Störung vorliegt und daher dieses Teil seine Funktion nicht oder nur eingeschränkt erfüllen kann (vgl. Abbildung oben).

Schallaufnahme und -weiterleitung (aus: Leonhardt, 2019, S. 47)

Der Hörvorgang kann in sechs Schritten beschrieben werden, die Abbildung zeigt im Überblick Schallaufnahme und Schallweiterleitung:

  1. Schallwellen erreichen über die Ohrmuschel, die als Schalltrichter dient, den Gehörgang und versetzen das Trommelfell in Schwingungen.
  2. Die Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen zur Cochlea (Hörschnecke im Innenohr) geleitet.
  3. Die Schwingungen versetzen die sich im Innenohr befindende Flüssigkeit (Perilymphe) in Bewegung.
  4. Infolge der Bewegung der Flüssigkeit werden die Sinneshaare, die sich an den Sinneszellen der Schnecke (Cochlea) befinden, gebeugt.
  5. Die Sinneszellen verwandeln die mechanischen Schwingungen in neurale Aktivität, d.h. sie senden Signale an den Hörnerv.
  6. Der Hörnerv übermittelt die Signale zum Gehirn. Hier wird das akustische Ereignis interpretiert.

Auf der Seite Hintergrund wurde zwischen peripheren und zentralen Hörschäden unterschieden und festgestellt, dass bei peripheren Hörschäden eine Störung im Außen-, Mittel- oder Innenohr vorliegt, während bei zentralen Hörstörungen bei an sich normaler Hörschwelle die Wahrnehmung und Verarbeitung akustischer Signale unvollständig erfolgt. Dass diese Unterscheidung wichtig ist, wird deutlich, sobald man sich vergegenwärtigt, was es bedeutet, etwas zu „hören“.
 

Was ist Hören?

Die Erkenntnisse über das Hören haben sich in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert. Hören als Verstehen wird nicht mehr nur als eine Funktion des äußeren, mittleren und inneren Ohres gesehen (sie bilden sozusagen „nur“ das Transportorgan), sondern als eine Leistung des Gehirns. Für das eigentliche „Hören“ – also die Interpretation des eintreffenden Schallcodes – ist das Gehirn zuständig. Hören muss erlernt werden. Dazu gehört die Analyse des Schallreizes nach Frequenz, Frequenzänderung, Schallintensität, Veränderung der Intensität oder Lokalisation der Schallquelle. Um das zu erlernen, sind insbesondere externe Reize aus dem sozialen Umfeld, die interpretiert und beantwortet werden müssen, wichtig. Dieser Lernprozess läuft (vorrangig) im Kleinkindalter ab. Im Rahmen der Entwicklung findet eine ständige Interaktion von Anlagen und Umwelt statt. Die mit den Erbanlagen gegebenen Möglichkeiten und Grenzen und die Umweltfaktoren beeinflussen sich dabei.

Seit der Einführung des universellen Neugeborenen-Hörscreenings (vgl. Diagnostik) haben sich die Möglichkeiten für frühe Hörerfahrungen wesentlich verbessert, da durch das frühzeitige Erkennen einer Hörschädigung eine unverzügliche Hörhilfenversorgung möglich wird. Dennoch bleiben die Hörerfahrungen – auch bei rascher und guter Versorgung – begrenzt und weichen von denen uneingeschränkt hörender Personen ab. Die eingeschränkten oder fehlenden Höreindrücke bewirken eine veränderte, letztendlich eingeschränkte, Sprachentwicklung, was sich sowohl in der Sprachproduktion als auch -perzeption der Betroffenen zeigt.
 

Die Auswirkungen einer Hörschädigung in ausgewählten Teilbereichen

Die Auswirkungen einer Hörschädigung sind – auch bei vergleichbaren Hörschwellenkurven im Audiogramm – individuell höchst unterschiedlich und hängen von mehreren Faktoren ab, so z. B. von Art und Ausmaß des Hörschadens (vgl. Hintergrund), vom Zeitpunkt des Eintretens (angeboren oder erworben), dem Vorhandensein einer oder mehrerer weiteren Behinderung(en) oder Entwicklungsstörungen (die sich in den Auswirkungen nicht addieren, sondern potenzieren) und den sozialen Entwicklungsbedingungen (z.B. Elternhaus, Umfeld, Beginn und Qualität der Frühförderung, Qualität der und Nutzen aus den Hörhilfen).

Kommunikation

Zu den verbreitetsten Fehleinschätzungen in Bezug auf Hörgeschädigte gehört, dass die Betroffenen zwar nicht richtig hören, aber problemlos lesen und schreiben können und sie daher auf schriftsprachlicher Ebene ungehindert Informationen aufnehmen und mitteilen können. Das gilt jedoch lediglich für den Kreis der Spätertaubten und spät schwerhörig gewordenen Personen (vgl. Definitionen und Daten). Kinder mit angeborener oder früherworbener Hörschädigung, was bei allen inklusiv beschulten Schülerinnen und Schülern der Fall ist, sind bereits beim Erwerb der Sprache eingeschränkt. Das wirkt sich auf die Verwendung der (Laut-)Sprache in mündlicher (Sprachperzeption und -produktion) sowie schriftlicher (Lesen und Schreiben) Modalität aus.

Hörgeschädigte kommunizieren in Laut- und/oder Gebärdensprache. Gebärdensprachlich kommunizierende Schülerinnen und Schüler, die inklusiv beschult werden, besuchen mittels Gebärdensprachdolmetscher:innen die allgemeine Schule. Es handelt sich hier um eine sehr kleine Schülergruppe, zumeist um Kinder gehörloser bzw. hörgeschädigter Eltern, deren Mutter- bzw. Erstsprache die Gebärdensprache ist (fortführend s. Kaul, 2018; Becker & Jaeger, 2019, S. 87-101).

Kognition

Hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler sind kognitiv genauso leistungsfähig wie jene ohne Hörschädigung. Sie können alle Schulabschlüsse erreichen. Durch ihre eingeschränkte auditive Wahrnehmung und durch die veränderten Bedingungen, unter denen der Spracherwerb verläuft, benötigen sie zum Lernen spezifische Maßnahmen (s. Unterricht] ). Vieles, was Kinder und Jugendliche „nebenbei“ lernen, muss ihnen bewusst vermittelt werden.

Soziale Stellung in der Klasse und emotionales Wohlbefinden

Untersuchungen haben gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler mit Hörschädigung ähnlich beliebt sind wie ihre (gut)hörenden Klassenkameradinnen und Klassenkameraden (Gräfen, 2015). Zwischen den Schülerinnen und Schülern mit und ohne Hörschädigung gibt es keine gravierenden Unterschiede und das Empfinden der sozialen Inklusion bleibt bei den Schülerinnen und Schülern mit Hörschädigung über die Schuljahre hinweg relativ stabil. Dennoch besteht ein erhöhtes Risiko, dass sie weniger gut in ihre Klasse inkludiert sind: Sie werden öfters gemobbt, seltener zum Geburtstag eingeladen und von den Mitschülerinnen und Mitschülern häufiger abgelehnt.

Eine weitere Erhebung (Schmitt, 2003; Lönne, 2009), die sich auf die Klassenstufen 3 bis 7 bezog, zeigte hingegen, dass das emotionale Wohlbefinden über die Schuljahre kontinuierlich absinkt. Besonders mit Beginn der Pubertät – einer Phase, in der es zu Identitätskrisen und Auseinandersetzungen mit sich und der sozialen Umwelt kommt – wird es für die hörgeschädigte Person schwieriger, sich im Vergleich mit den Klassenkameradinnen und -kameraden als „anders“ zu erleben.
 

Hörhilfen

Um eine umfassende Teilhabe am gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen, ist von der Lehrkraft darauf zu achten, dass die Schülerinnen und Schüler mit Hörschädigung ihre Hörhilfen nutzen. Mit Hörhilfen hören sie mehr und umfassender, sie können aber – auch bei optimaler Anpassung – die Höreinschränkung nicht vollständig ausgleichen. Es bleibt bei einem veränderten, eingeschränkten Hören. Trotz Hörhilfen ist mit Schwierigkeiten in der Kommunikation und mit Auswirkungen im psycho-sozialen und emotionalen Bereich zu rechnen.

HdO(Hinter dem Ohr)-Geräte sind die am meisten verbreiteten Hörhilfen. Sie werden hinter der Ohrmuschel getragen. Das Ohrpassstück (auch Otoplastik genannt) überträgt den im Hörgerät veränderten Schall an das Ohr. Über einen Audioeingang ist eine Verbindung mit einer Übertragungsanlage (s. unten) möglich. Aufgrund der direkten Übertragung des Schalls entsteht so ein besserer Höreindruck.

Knochenleitungshörsysteme – auch bekannt als BAHA (Bone Anchored Hearing Aids) – kommen bei Fehlbildungen des Gehörgangs zum Einsatz. Bei dieser Hörhilfe werden die Schallvibrationen (unter Umgehung des Außen- und Mittelohres) direkt an den Schädelknochen gegeben und zum Innenohr geleitet.

(Bi-)CROS (Contralateral Routing of Signals)-Geräte kommen bei einseitiger Schwerhörigkeit oder bei einem stark unterschiedlichem Hörverlust auf beiden Seiten zum Tragen. Dabei wird der Schall drahtlos vom nicht funktionsfähigen Ohr zur Gegenseite übertragen. Optisch ist das Gerät einem HdO-Gerät ähnlich, es kann über Funk mit Raummikrofonen oder mobilen Mikrophonen verbunden werden.

Cochlea Implantate (CI) kommen bei hochgradigen Hörschäden (bei an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit/Taubheit) zum Einsatz. Sie bestehen aus einem Teil, der operativ eingesetzt wird (das eigentliche Implantat mit Elektroden, Empfängerspule und Magnet) und einem äußerlich sichtbaren Teil. Dieser wird hinter dem Ohr getragen, ähnelt optisch einem HdO-Gerät und beinhaltet Mikrofone, Sprachprozessor (auch Audio- oder Soundprozessor genannt) und ein Batterie- bzw. Akkufach. Durch CIs wird nach einer entsprechenden Rehabilitations- und Übungsphase ein Verstehen von Sprache möglich. Dem Betroffenen sind sehr viel mehr akustische Informationen zugänglich als ohne CI, das Hören entspricht aber nicht dem gut- bzw. normalhörender Menschen.

Beispiel für eine Übertragungsanlage (Roger DigiMaster)

Alle genannten Hörhilfen können über Funk mit einer Übertragungsanlage verbunden werden. Die Lehrkraft oder der aktuell Sprechende trägt eine mobile Sendeeinheit mit Mikrofon. Die Äußerungen werden über Funksignale an den Empfänger (also dem Träger der Hörhilfe) geleitet. Der Raumton kann zusätzlich über ein spezielles Raummikrophon direkt an das Hörgerät gesendet werden. Der Vorteil ist, dass Sprache über eine größere Distanz ohne Störgeräusche und Lautstärkeverlust übertragen werden kann.

 

 


Diese Seite wurde von Prof. Dr. Annette Leonhardt erstellt
und vom Team des Projekts „Mathe inklusiv mit PIKAS“ editiert.