In den folgenden Ausführungen wird beschrieben, wie fachliche Förderung für einen Drittklässler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen unter Berücksichtigung der vorgestellten Gliederung geplant und durchgeführt wird.

Planungen für den Klassenunterricht

Zu Beginn des Schuljahres einer Klasse 3 findet ein Planungsgespräch zwischen der Klassenlehrerin und der Sonderpädagogin statt, in welchem die Zahlenraumerweiterung bis 1000 als erster arithmetischer Inhalt für den Klassenunterricht festgelegt wird.

Individuelle Planungen für Benedict

Die Erweiterung des Zahlenraums stellt für Benedict zum hier geschilderten Zeitpunkt noch eine große Herausforderung dar. Um überhaupt adäquat in einem größeren Zahlenraum arbeiten zu können, müssen mehrere Inhaltsbereiche mit ihm weiterhin fokussiert werden:

  • die Ordnung der Zahlen und die Orientierung im Zahlenraum (bis 100 und perspektivisch bis 1000)
  • das Bündelungsprinzip (immer gleich viele)
  • der dekadische Aufbau (immer 10)
  • die dezimale Schreibweise (die Anzahl der Bündel wird an entsprechender Stelle notiert)
  • sicheres Zerlegen der Zahlen bis 10 und sicheres Ergänzen bis 10
Es macht Sinn, ihn in geeigneter Form im Klassenunterricht in die Arbeit im größeren Zahlenraum einzubinden und insbesondere die erst genannten Punkte dabei zu berücksichtigen. Kinder bringen oft ein „natürliches Interesse“ an großen Zahlen mit und durch die Beschäftigung mit diesen kann die Motivation erhöht werden, auch den Umgang mit den „kleinen“ Zahlen besser zu beherrschen (vgl. Gaidoschik, 2010), so dass Benedict auch für eine vertiefende Arbeit im Zahlenraum bis 10 motiviert werden kann. Diese für Benedict über den Klassenunterricht hinausgehende notwendige Förderung zur Sicherheit im Umgang mit Zahlen bis 10 wird parallel zu diesem realisiert.
Um Benedict gezielt innerhalb des Klassenunterrichts fördern zu können, vereinbaren die beiden Lehrerinnen folgende Maßnahmen, bei welchen neben fachlichen Überlegungen auch eine Berücksichtigung von Benedicts Lernbedürfnissen bezüglich Konzentration und Aufmerksamkeit erfolgt:

Abbildung 4

Für den Klassenunterricht wählen die beiden Lehrkräfte zunächst eine Basisaufgabe, welche eine Adaption im Sinne einer Reduktion durch den Einsatz verwandter Aufgaben (vgl. ‚Verwandte Aufgaben‘) für Benedict erfährt.

Abbildung 5: Leere Tausenderkette
Die Kinder werden als Impuls mit einer „leeren“ Tausenderkette und verschiedenen Suchaufträgen wie „Finde die Zahl 199!“ konfrontiert. Da die Perlenkette zunächst keine Struktur ausweist, ist die Orientierung auf dieser und damit das Finden vorgegebener Zahlen deutlich erschwert. Hierdurch wird die Notwendigkeit einer Strukturierung durch Bündelungsaktivitäten offenkundig.
In der anschließenden Arbeitsphase stellen die Lernenden diese fehlende Struktur her, indem sie zunächst mit Hilfe des Abzählens von immer 10 Perlen und derselben zu Hundertern mit beschrifteten Wäscheklammern alle vollen Zehner- und Hunderterstellen markieren. Diese Struktur hilft deutlich bei sich anschließenden Orientierungsübungen und Bestimmungen von Positionen weiterer Zahlen in der nun übersichtlicheren Tausenderkette. Beispielsweise können Fünferstellen sowie Vorgänger und Nachfolger markierter Zahlen gefunden werden.
Der ordinale und kardinale Zahlaspekt vermischen sich in dieser Übung. Ein kardinaler Aspekt ist beispielsweise das Bündeln von Perlen als Repräsentanten der Menge. Ordinale Aspekte sind insbesondere die lineare Anordnung der Perlen und das Setzen von Wäscheklammern an bestimmte Positionen.

Abbildung 6: Markierung einer Hunderterstelle sowie einiger Zehner- und Fünferstellen
Zwischen den einzelnen Hunderterabschnitten kann die Kette mit Hilfe von Verschlüssen auseinander genommen und zusammen gefügt werden, so dass eine Arbeitsteilung in der Arbeitsphase möglich wird.

Sicherung des Lernerfolgs im Lehrplan durch didaktische Anpassung

Während sich die meisten Lernenden bereits mit der kompletten Struktur der Tausenderkette auseinandersetzen, beschäftigt sich Benedict zunächst intensiv mit ihrem ersten Abschnitt bis 100 und strukturiert diesen in analoger Weise. Im Fokus steht dabei die für ihn im individuellen Plan aufgeführte Förderung einer gesicherten Vorstellung des Bündelungsprinzips, der Ordnung der Zahlen und der dekadischen Struktur, mit welcher sich alle Kinder der Klasse – jedoch im größeren Zahlenraum – beschäftigen.
Durch einen für ihn dadurch „ganzheitlich geöffneten Zahlenraum“ und den Einsatz von „analogen Aufgabenstrukturen“ (Häsel-Weide, Nührenbörger, Moser Opitz & Wittich, 2015) wird ihm ein Ausblick auf weiterführende antizipierende Wissenselemente (hier insbesondere die Übertragbarkeit auf den größeren Zahlenraum) ermöglicht und ein entsprechender Lernzuwachs offen gehalten.


Abbildung 7: Erster Abschnitt der Tausenderkette bis 100 mit strukturierenden Markierungen von Benedict
Die einzelnen Kettenabschnitte werden nach der Arbeitsphase für die gemeinsame Reflexion wieder zu einer gesamten Tausenderkette zusammengefügt. Es erfolgt also für Benedict der Einsatz einer „verwandten Aufgabe“.


Abbildung 8: Ausschnitt aus der gesamten Tausenderkette mit
strukturierenden Markierungen der Mitschülerinnen und Mitschüler bis 1000


Abbildung 9: Beispiel für ein Hilfsmittel, welches von allen Lernenden
zur Überprüfung von vorgenommenen Markierungen eingesetzt werden kann;
an alle Hunderterabschnitte der Tausenderkette anlegbar

Da Benedict damit vorerst schwerpunktmäßig im Bereich von Basiswissen für einen Großteil der anderen Kinder arbeitet, haben diese immer wieder Gelegenheit im Sinne des Spiralprinzips grundlegende Inhalte in der fachlichen Kommunikation zu wiederholen und zu vernetzen. Gerade zu Beginn der Auseinandersetzung mit einem neuen Zahlenraum stellt dies eine sinnvolle Lernchance für alle Mitlernenden dar.
Ebenso erhält Benedict im Klassenunterricht einen propädeutischen Ausblick auf den weiteren Zahlenraum. Hierdurch entsteht für ihn immer wieder die Lernchance, Analogien selbst und auf eigenen Wegen zu entdecken. Somit wird ein voneinander Lernen möglich, welches sich beim fachlichen Kommunizieren in Plenumsphasen oder kooperativen Lernformen fokussieren lässt.
In ähnlicher Weise kann im Anschluss der Einsatz einer verwandten Aufgabe am Tausenderstrahl fortgeführt werden. Strukturen können übertragen und für die Verinnerlichung des dekadischen Aufbaus genutzt werden (beispielsweise durch gezieltes Finden von Hunderter- und Zehnerstellen sowie ihren Vorgängern und Nachfolgern, auch Finden beliebiger Zahlen).
Benedict kann hier in der gleichen Form eingebunden werden und hat somit die Möglichkeit, grundlegendes Wissen (im Zahlenraum bis 100) individuell zu sichern als auch weiterführende Kenntnisse (im Zahlenraum bis 1000) zu erwerben.
Während der gesamten inhaltlichen Arbeit wird ihm und seinen Mitschülerinnen und Mitschülern stets die Möglichkeit gegeben, auf die handelnde Auseinandersetzung mit der Tausenderkette zurückzugreifen sowie Übersetzungen zu leisten.

Sicherung des Lernerfolgs im Lehrplan durch methodische Anpassung

Arbeitsaufträge werden Benedict in kurzen Sätzen und auf jeweils einzelnen Karten angeboten, da eine komplette Übersicht auf einem Blatt schnell zu Frustration bei ihm führen kann.


Abbildung 10: Übersichtliche Arbeitsaufträge für Benedict –
Basisaufgaben (obere Reihe) und
Erweiterung (untere Reihen)
Die Aufträge und eine Bastelanleitung für die Tausenderkette stehen im Materialteil zur Verfügung: Material
Darüber hinaus sind Bewegungsmöglichkeiten unterstützend für ihn, um die Konzentration über längere Arbeitsphasen hinweg aufrecht halten zu können. Hierfür werden seine Arbeitsaufträge in räumlicher Distanz auf der Fensterbank angeboten, so dass er immer wieder nach Beendigung eines Auftrags aufstehen kann. Eine solche Maßnahme wird zuvor mit ihm besprochen, um die zu Grunde liegende Zielsetzung transparent zu machen und einer Stigmatisierung vorzubeugen.
Bei Einsatz einer solchen Maßnahme sollten stets die individuellen Wünsche des betroffenen Kindes und sein Einverständnis berücksichtigt werden.
Insgesamt ist der Klassenunterricht so angelegt, dass ein Austausch mit einem Partner im Lerntempoduett als Erweiterung wahrgenommen werden kann. Die potentielle Teilnahme Einzelner ist folglich abhängig von deren in Anspruch genommener Lernzeit und damit geeignet, individuelle Lerntempi zu berücksichtigen. Dies ermöglicht Benedict ein druckfreies Lernen in der für ihn notwendigen Zeit.
 
Hintergundinformation Lerntempoduett:
Kennzeichnend für diese Methode ist das Arbeiten im individuellen Tempo. In einer ersten Ich-Phase arbeiten die Lernenden in der eigenen Geschwindigkeit. Für die anschließende Du-Phase finden sich Lernpartner gemäß ähnlichem Lerntempo zusammen. Dadurch wird den unterschiedlichen Lerntempi Rechnung getragen. Möglich ist innerhalb dieser Methode ein häufigerer Wechsel zwischen Einzel- und Partnerarbeit. Beim beschriebenen Beispiel wird das Lerntempoduett in variierter Form als eine mögliche zusätzliche Erweiterung zur Einzelarbeit angeboten.
 

Sicherung des Lernerfolgs im Lehrplan durch individuelle Begleitung

Im Rahmen der Lernprozessbegleitung werden vor allem Diagnose- und Fördermomente von den Lehrkräften verstärkt durchgeführt, indem eine zielorientierte Hinwendung zu Benedict erfolgt.
In diesem Rahmen werden insbesondere kontextgebundene Versprachlichungen am Material angeregt, beispielsweise durch Aufforderungen wie „Zeige, wie du vorgegangen bist.“ oder „Bist du sicher, dass diese Klammer richtig sitzt? Erkläre!“. Diese regen die innere Konstruktion der angestrebten fachlichen Vorstellungen an und liefern der Lehrkraft Informationen zum laufenden Lernprozess.

Kompensatorische Strategie

Benedict werden Arbeitsaufträge, welche eine längere Lesetätigkeit erfordern, mit Hilfe eines digitalen Lesestiftes dargeboten. Hiermit wird eine längere Aufmerksamkeit auf den eigentlichen mathematischen Inhalt ermöglicht, da das Lesen selbst eine anstrengende und Konzentration fordernde Tätigkeit für ihn darstellt.
Allgemein sitzt Benedict im Unterricht auf einem flexiblen Sitzkissen, welches eine permanente Ausgleichbewegung des Rumpfes erfordert, was seiner Konzentration in längeren Sitzphasen zu Gute kommt.

Remediale Strategie

Wichtig für die langfristige Einbindung Benedicts in den Klassenunterricht ist, dass er eine gezielte Förderung grundlegender Basiskompetenzen im Sinne der remedialen Strategie erhält. Diese zielt ab auf die direkte Förderung unzureichend ausgebildeter Kenntnisse.
Somit bekommt Benedict in einer wöchentlichen Kleingruppenförderung und im Rahmen individueller Hausaufgaben die Möglichkeit, unabhängig vom Klassenunterricht die Zerlegungen der Zahlen bis 10 und das Ergänzen zur 10 zu automatisieren.
Diese stellen eine Voraussetzung für das Rechnen im Zahlenraum bis 100 ohne zählende Strategien dar (vgl. Gaidoschik, 2010), welche von Benedict weiterhin verinnerlicht werden müssen.