Sonderpädagogische Förderung kann an allgemeinbildenden Schulen im inklusiven Unterricht stattfinden, die laut AO-SF den empfohlenen Förderort darstellen (AO-SF 2015, § 1), aber auch an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung und an sog. Schulen für Kranke. Einige dieser Schulen bieten inklusiven Unterricht an, aber in der Regel sind sie auf eine spezifische, jedoch exklusive Förderung der Schülerschaft ausgelegt.

Im Schuljahr 2014/2015 wiesen laut Schulstatistik des Landes NRW insgesamt 10.753 Schülerinnen und Schüler einen diagnostizierten sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung auf, was vor dem Hintergrund der gesamten Schülerschaft, bei denen ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf diagnostiziert wurde (N=132.278), einem Förderanteil von 8 % entspricht (MSW, 2015). Ähnliche Zahlen ergeben sich bei bundesweiten Erhebungen: Gemäß neuerer Daten der Kultusministerkonferenz (KMK, 2020) entfielen im Jahr 2018 knapp 38.000 Lernende auf den Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung, das waren etwa 7 % aller Lernenden mit Unterstützungsbedarf. Damit zählt der Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung zu den personenmäßig kleineren Förderschwerpunkten in Deutschland.

Sonderpädagogischer Förderbedarf nach Förderschwerpunkten in Deutschland im Schuljahr 2013/2014 (Klemm 2015, S. 32)

Ein Blick auf die Schulverteilung, in der Abbildung dargestellt an Daten aus dem Schuljahr 2013/2014, zeigt, dass die Mehrheit der Lernenden Förderschulen für körperliche und motorische Entwicklung und vereinzelt Schulen für Kranke besucht. Bundesweit waren dies im Schuljahr 2018 etwa 63 %, in inklusiven Settings wurden an allgemeinbildenden Schulen etwa 37 % der Schülerinnen und Schüler unterrichtet (KMK, 2020).

Die aktuelle Inklusionsquote lässt sich historisch erklären: Ab den 1950er Jahren wurden schulische Sonderinstitutionen begründet mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen weitestgehend an die gesellschaftlichen Normvorstellungen anzupassen und ihnen durch intensive sonderpädagogische und therapeutische Bemühungen den Weg zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ebnen (Bergeest & Boenisch, 2019). Die besonderen Schulen stellten mit entsprechenden räumlichen Gegebenheiten, materiellen und personellen Ressourcen und mit einer engen Verzahnung von Therapie und Förderung ein umfassendes und hochwertiges Angebot dar (Lelgemann 2015, S. 32), das bei den Schülerinnen und Schülern und bei ihren Eltern und Erziehungsberechtigten auf große Akzeptanz traf. Dieses hohe Niveau gilt es, im Rahmen der inklusiven Schulentwicklung bestmöglich auf alle Schulen zu übertragen, um eine effektive Beschulung der Kinder und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung im gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen.

Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf (insgesamt und körperliche und motorische Entwicklung) in Förderschulen und in der Inklusion in NRW in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I im Jahr 2011 (Lelgemann 2012)

Seit den 1990er Jahren findet ein Paradigmenwechsel statt, weg von Sonderinstitutionen und hin zum einzelnen Kind mit individuellem Unterstützungsbedarf. Deutliche Unterschiede zeigen sich, wenn man die Primar- und die Sekundarstufe vergleicht, wie Lelgemann (2012) das für das Bundesland Nordrhein-Westfalen getan hat (vgl. Abbildung). Die Zahl der inklusiv beschulten Kinder in Primarschulen überstieg 2011 deutlich die Zahl der Lernenden auf der Sekundarstufe und das gilt auch für aktuellere bundesweite Zahlen der Kultusministerkonferenz. Im Schuljahr 2018 besuchten knapp drei Viertel der Kinder und Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf im Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung Schulen im Bereich der Primarstufe, nur ein Viertel Schulen im Bereich der Sekundarstufe (KMK, 2020).

Diese Entwicklung hat vielfältige Gründe, nicht zuletzt ist hier der Aufbau unseres dreigliedrigen Schulsystems mit höheren Leistungserwartungen in den weiterführenden Schuulen zu nennen und die zunehmend verfeinerte Diagnostik von Lern- und Leistungsunterschieden, die immer differenziertere Unterstützungsangebote und Therapiemaßnahmen verlangen, die nur von qualifiziert ausgebildetem Personal und an entsprechend ausgestatteten Schulen realisiert werden können.


Wenn Sie sich eingehender mit der Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs im Rahmen der inklusiven Schulentwicklung befassen möchten, dann können Sie sich im Modul AO-SF sachkundig machen.

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Diese Seite wurde mit Unterstützung von  Dr. Ria-Friederike Kirchhof
vom Team des Projekts „Mathe inklusiv mit PIKAS“ erstellt.