Nach § 3 der „Verordnung über sonderpädagogische Förderung, den Hausunterricht und die Schule für Kranke (Ausbildungsordnung sonderpädagogische Förderung - AO-SF)“ des Landes Nordrhein-Westfalen kann eine Körperhinderung einen Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung begründen. § 6 führt zu „Körperbehinderung (Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung)“ konkreter aus:

Ein Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung besteht, wenn das schulische Lernen dauerhaft und umfänglich beeinträchtigt ist auf Grund erheblicher Funktionsstörungen des Stütz- und Bewegungssystems, Schädigungen von Gehirn, Rückenmark, Muskulatur oder Knochengerüst, Fehlfunktion von Organen oder schwerwiegenden psychischen Belastungen infolge andersartigen Aussehens.

Schon innerhalb dieser Definition wird die besondere Heterogenität der Schülergruppe deutlich. Die folgende Tabelle stellt exemplarisch verschiedene Formen von Körperbehinderungen dar, kategorisiert nach dem Ort der Schädigung:

Abb.1: Leyendecker 2005

Es ist zu beachten, dass eine Körperbehinderung dennoch nicht gleichbedeutend ist mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf. Körperliche und motorische Funktionsstörungen sind sehr komplex und führen nur dann zu Unterstützungsbedarf, wenn sie die individuelle Selbständigkeit, die persönliche Selbstverwirklichung und/oder die soziale Teilhabe eines Menschen beeinträchtigen.

Die AO-SF beschränkt sich nicht auf Funktionsstörungen bzw. somatische Schädigungen, sondern bezieht sich auf die Gesamtpersönlichkeit. In den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zum Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung wurde diese persönlichkeitszentrierte Sicht bereits formuliert und in der Zielformulierung präzisiert (KMK 1998, S. 2):

Die eingeschränkten Ausdrucks-, Bewegungs- und Kommunikationsmöglichkeiten haben Auswirkungen auf die Selbstentfaltung und das soziale Umfeld; die Schülerinnen und Schüler sollen jedoch Kompensationsformen und Hilfen zur Bewältigung eines erschwerten Lebens erlernen. Sonderpädagogische Förderung trägt dazu bei, trotz behinderungsbedingter Abhängigkeiten zur größtmöglichen Eigenständigkeit zu finden und die individuellen Entwicklungspotentiale zu nutzen, um Fähigkeiten, Können, Wissen zu erwerben.

Besteht bei einer Schülerin oder einem Schüler ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, ist eine zielgleiche Förderung im Bildungsgang der Regelschule oder auch eine zieldifferente Förderung in den Bildungsgängen Lernen und geistige Entwicklung möglich.


 Anregungen und Informationen zum Mathematikunterricht in den zieldifferenten Bildungsgängen können unter den zugehörigen Förderschwerpunkten (Lernen und geistige Entwicklung) nachgelesen werden.


Wenn in diesem Teilmodul charakteristische Merkmale des Erlebens und Verhaltens von Kindern mit körperlich-motorischen Beeinträchtigungen dargestellt werden, die das Mathematiklernen erschweren, sollen zwei wichtige Aspekte berücksichtigt werden:

  • Die Kinder unterscheiden sich interindividuell erheblich voneinander, es gibt nicht das eine typische Kind und nicht den typischen Unterstützungsbedarf.
  • Auch wenn eine Darstellung von Schwierigkeiten und Problemen in konstruktiver pädagogischer Absicht erfolgt, kann sie defizitorientiert wirken.

Bei aller Vielfalt in den Lernvoraussetzungen der Kinder zeigen sich im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung einige Merkmale des allgemeinen Lernverhaltens besonders häufig:

  • Viele Kinder haben Schwierigkeiten mit der Selektion relevanter Reize. Sie benötigen Zeit, bevor sie eine Aufgabe so verstanden haben, dass sie mit deren Bearbeitung beginnen können.
  • Viele Kinder zeigen insgesamt ein deutlich verlangsamtes Lern- und Arbeitstempo - insbesondere dann, wenn sie viel Aufmerksamkeit auf motorische Kompetenzen konzentrieren müssen, die bei nicht beeinträchtigten Kindern automatisiert ablaufen.
  • Bei vielen Kindern führen verminderte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen nicht nur zu verzögertem Lernbeginn und verlangsamtem Lernen, sondern oft auch zu geringen Gedächtnisleistungen, d. h. Gelerntes wird kaum oder nur kurzfristig behalten.
  • Viele Kinder haben Schwierigkeiten, abstrakte Problemstellungen zu erkennen und auf abstraktem Niveau zu lösen. Beim Sachrechnen fehlt zum Teil die Erfahrung mit der geschilderten Sachsituation, und somit dann auch die Möglichkeit das Ergebnis auf Plausibilität hin zu überprüfen. Stehen dann nur eingeschränkte und/oder unflexible Lösungsstrategien zur Verfügung, gelingt die Lösung solcher Anwendungsaufgaben nicht. Hierzu zählen insbesondere Aufgabenstellungen aus den Bereichen Größen, Geld und Zeit. Für das Lösen von solchen Aufgaben sind viele Kinder mit Unterstützungsbedarf KmE länger auf das konkrete Handeln mit Anschauungsmitteln angewiesen, da sie Handlungen nicht mithilfe von Vorstellungen vollziehen können. [AB1] 

In der neueren Mathematikdidaktik wird vermehrt ein Zusammenhang zwischen eigenaktiver Bewegung und Denkentwicklung gesehen und im Unterricht genutzt. Insbesondere die Bewegung ist jedoch bei Kindern mit Unterstützungsbedarf im körperlich-motorischen Bereich erschwert. Sämtliche Erfahrungen im Raum, die Kinder ohne körperlich-motorische Einschränkungen durch eigenaktive Bewegungen (z.B. Drehen um Körperachsen) machen, fehlen Kindern mit entsprechendem Unterstützungsbedarf oft vollständig. Erfahrungen im dreidimensionalen Raum sind jedoch Voraussetzung dafür, dass Anforderungen im zweidimensionalen Raum erfüllt werden können. Kinder ohne Beeinträchtigung machen relevante Erfahrungen in Bewegungsspielen sozusagen „nebenbei“, beim Schaukeln, Rutschen, Balancieren, Hüpfen, bei abrupten Richtungswechseln und Drehungen, beim Seilspringen oder Ballspielen. Kinder mit Beeinträchtigungen im Bereich der körperlichen und motorischen Entwicklung entwickeln oft kein oder nur mangelndes Körperbewusstsein, erschwerte Figur-Grund-Wahrnehmung, Probleme in der Raumvorstellung etc. (vgl. Bergeest & Boenisch 2019, S. 211-217). Dass Motorik, Wahrnehmung und Kognition eng miteinander verbunden sind und sich wechselseitig beeinflussen, zeigt das folgende Beispiel.


Aufgabenstellungen werden im Bereich der Mathematik oft in Form von Päckchen präsentiert, bei denen die Aufgaben in einem Zusammenhang stehen, z.B. 2+3, 3+3, 4+3. Das zugrundeliegende Muster (erster Summand wird immer um 1 erhöht, zweiter Summand bleibt unverändert) soll entdeckt und in seinen Auswirkungen auf das Ergebnis (wird um 1 größer) beschrieben werden. Solche Entdeckerpäckchen gibt es zu unterschiedlichsten Aufgabenstellungen, meist enthalten sie den Auftrag zum Fortsetzen des Musters, d.h. die Kinder werden aufgefordert, im Buch die Aufgaben „5+3, 6+3, usw.“ zu ergänzen. Kinder mit einem Unterstützungsbedarf im Bereich der körperlichen und motorischen Entwicklung können teilweise die Zahlen nicht korrekt schreiben. Viele Zahlen werden gespiegelt oder seitenverkehrt geschrieben, was insbesondere bei 6 und 9 oder bei 2 und 5 problematisch ist. Aber auch 1 und 7 sind oft nicht zu unterscheiden, da das Kind den schrägen Strich der 1 bzw. der 7 waagerecht ausführt – beide Ziffern sehen dann in etwa so aus: „?“. Lesen können die Schülerinnen und Schüler ihre selbst geschriebenen Zahlen oft nicht bzw. lesen diese so, wie sie der seitenverkehrten Ausführung entsprechen. Aus der Aufgabensammlung „2+3, 3+3, 4+3, 5+3, 6+3, 7+3“ können durch die Schreib- und Lesefehler der Schülerinnen und Schüler folgende Aufgaben entstehen „2+3, 3+3, 4+3, 2+3, 9+3, 1+3“ – somit ist keine Struktur mehr vorhanden, die von den Schülerinnen und Schülern erkundet werden kann. Kinder, die eine solche Aufgabensammlung notiert vor sich liegen haben, können dann auch die von anderen Kindern genannte Regelmäßigkeit „erster Summand wird immer um 1 erhöht“ nicht mehr nachvollziehen.


Aus einer Beeinträchtigung einer körperlichen Struktur oder Funktion, können weitere Beeinträchtigungen entstehen. So sind neben der Motorik in vielen Fällen auch die Wahrnehmung und die Sprache beeinträchtigt. In den folgenden Teilmodulen können Sie sich eingehender über schulisch relevante Schwierigkeiten in den diesen 3 Bereichen informieren.

Innerhalb der Teilmodule wird jeweils das Beispiel der infantilen Cerebralparese (ICP) herangezogen. Hierbei handelt es sich um die häufigste Form einer Beeinträchtigung im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Eine Cerebralparese stellt eine Hirnlähmung dar, die angeboren oder frühkindlich durch Infektionen, Sauerstoffmangel oder Gehirnblutung erworben wurde. In der Folge liegt eine umfassende Bewegungsstörung vor, die zusätzliche Auswirkungen auf zahlreiche weitere Entwicklungsbereiche zeigt.

Die Teilmodule argumentieren mit Beispielen zu den einzelnen Förderbereichen, diese erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zu Beginn der Teilmodule werden jeweils in einer Grafik exemplarische Entwicklungsbereiche aufgezeigt, die unter die entsprechenden Förderbereiche zu fassen sind. Diese werden dann innerhalb von Beispielen näher erläutert und ausgeführt.


Hier geht es weiter zu Motorik 


Hier geht es weiter zu Wahrnehmung 


Hier geht es weiter zu Sprache