Im Jahr 2008 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Sie fordert u. a., dass allen Kindern – mit und ohne besonderen pädagogischen Unterstützungsbedarf – Zugang zu einem gemeinsamen inklusiven Bildungssystem gewährleistet wird. Den Großteil der Schülerinnen und Schüler, die in der Vergangenheit spezielle Förderschulen besucht haben und die nun inklusiv unterrichtet werden sollen, stellt die Gruppe der Kinder mit Lernbehinderung dar.

In Deutschland sind derzeit knapp 10.000.000 Kinder und Jugendliche schulpflichtig, bei nicht ganz 500.000 Schülerinnen und Schülern wird sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert, davon allein bei 200.000 (40 %) Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt Lernen und bei etwa 300.000 (60 %) Schülerinnen und Schüler in anderen Förderschwerpunkten (vgl. KMK, 2014, S. 15). In Nordrhein-Westfalen wurde im Schuljahr 2013/2014 bei nahezu 131.000 Schülerinnen und Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt, darunter in etwa 46.000 Fällen Förderbedarf im Bereich des Lernens (vgl. MSW, 2014).

Die Abbildung 1 zeigt die bundesweite Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die unterschiedlichen Förderschwerpunkte am Beispiel des Schuljahres 2014/2015. Es wird deutlich, dass knapp 33 Prozent auf den Förderschwerpunkt Lernen entfielen und weitere 36 Prozent auf die Förderschwerpunkte Sprache und Emotionale und soziale Entwicklung. Im Schulgesetz des Landes NRW werden diese drei Förderschwerpunkte als Lern- und Entwicklungsstörungen zusammengefasst, sie machten folglich im dargestellten Schuljahr etwa zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf aus.



Abb. 1: Anteil der Förderschülerinnen und -schüler an den einzelnen Förderschwerpunkten im Schuljahr 20014/2015 ( MSW NRW Stat. Übersicht Nr. 389 – Statistische Daten und Kennziffern zur Inklusion 2014/15)


Abb. 2: Entwicklung der sonderpädagogischen Förderquoten für die Schuljahre 1992/93 bis 2009/10 nach Förderschwerpunkten, unterteilt nach Förderschwerpunkt Lernen und alle sonstigen Förderschwerpunkte (Angaben in Prozent, aus Dietze 2011, S. 6)

Wenn man die Entwicklung über die letzten Jahre betrachtet, gilt bundesweit und auch für das Land NRW, dass die Zahlen in allen Schwerpunkten sonderpädagogischer Förderung relativ konstant bleiben oder aber ansteigen, so dass die Zahl der Kinder, die sonderpädagogische Förderung erhalten insgesamt zunimmt, dass sich jedoch der Förderschwerpunkt Lernen gegen diesen Trend entwickelt.

Abbildung 2 zeigt deutlich diese gegenläufige Entwicklung: Bis zum Jahr 1998, dem Jahr, in dem nur Kinder an Förderschulen erfasst wurden (angezeigt durch die senkrecht verlaufende gestrichelte Linie), stagniert die Förderquote im Förderschwerpunkt Lernen und sie steigt in den anderen Förderschwerpunkten leicht an. Ab 1998 werden auch die Lernenden in Inklusionsklassen statistisch erfasst und beide Quoten steigen an, aber seit 2004 entwickeln sie sich gegenläufig.


Abb. 3: Entwicklung der sonderpädagogischen Förderquoten für die Schuljahre 1992/93 bis 2009/10 nach Förderschwerpunkten, aber ohne den Förderschwerpunkt (Angaben in Prozent, aus Dietze 2011, S. 6)

Wie ist der gegenläufige Trend zwischen dem Förderschwerpunkt Lernen und allen anderen Förderschwerpunkten zu erklären? Statistische Entwicklungen wie diese sind nur schwierig zu erklären, denn fast immer spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ein Hauptgrund dürfte darin zu suchen sein, dass zahlreiche Bundesländer – darunter auch Nordrhein-Westfalen – die Diagnose von sonderpädagogischem Förderbedarf für die ersten zwei oder drei Grundschuljahre ausgesetzt haben, damit Lernende nicht voreilig und verfrüht als lernbeeinträchtigt bezeichnet werden. Wenn kein Förderbedarf diagnostiziert werden darf, ist zu erwarten, dass die Zahlen sinken.

Abbildung 3 lässt darüber hinaus weitere Ursachen plausibel erscheinen, denn es zeigt sich in den Förderschwerpunkten Emotionale und soziale Entwicklung, Geistige Entwicklung sowie Sprache und Kommunikation seit etwa 2004 eine besonders deutliche Zunahme. Zum einen kann in diesen Förderschwerpunkten auch in den ersten Schuljahren noch Bedarf festgestellt werden, zum anderen erscheint eine Diagnose von Förderbedarf im Bereich der Sprache vielen Eltern akzeptabler als die Diagnose Förderbedarf im Lernen.

Bei der Bezeichnung der Lernenden und ihrer Schwierigkeiten in Schule und Unterricht wird eine Vielzahl von Begriffen verwendet, die alltagssprachlich oft nur unzureichend unterschieden werden, die als Fachbegriffe jedoch präzise benutzt werden sollten und die deshalb sorgfältig zu unterscheiden sind. Dieses Modul wird eine möglichst klare Abgrenzung der Begriffe Lernbeeinträchtigung/Lernschwierigkeit, Lernstörung und Lernbehinderung versuchen, indem Unterschiede deutlich gemacht und wesentliche Merkmale erläutert werden, bevor der Begriff des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Lernen definiert wird.